Die Preußischen Schwestern

Nichts bringt den Menschen der Gottheit näher als die geistige Betätigung. Ich widme mich ihr so viel, als meine Gesundheit es zulässt. Auch mit den Regeln der Baukunst habe ich mich etwas zu beschäftigen begonnen und baue prächtige Schlösser, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Papier bleiben werden. Dann komponiere ich eine neue Oper, deren Plan ich selbst entworfen habe. Den Vormittag widme ich der Physik und der Philosophie und ein paar Nachmittagsstunden lese ich Geschichtswerke. Bei dieser Lebensweise verfliegt die Zeit so rasch, dass ich wünschte, die Tage hätten vierundzwanzig Stunden.

(Wilhelmine von Bayreuth)

 

Wilhelmine (1709 - 1758) und Anna Amalia (1723 - 1787) wachsen als Töchter des Königs Friedrich Wilhelm I. und der Königin Sophie Dorothea in Berlin auf.

Der Umgangston im Hause des Soldatenkönigs ist rauh, die Erziehungsmethoden brutal und die musikalische Ausbildung dürftig. Woran entzündet sich also bei drei seiner Kinder (Wilhelmine, Anna Amalia und Bruder Friedrich, später Friedrich der Große) eine lebenslange, innige Liebe zur Musik? 

Ist es der Einfluss der Mutter, die, zum Unverständnis ihres Gatten, in ihrem Schloss Monbijou Konzerte mit teilweise prominenten Gästen veranstaltet? Bei einer solchen Gelegenheit begleitet Wilhelmine einst Locatelli und Graun auf dem Cembalo. Ihren ersten Auftritt im Schloss Monbijou bestreitet sie jedoch allein am Cembalo und zwar als Siebenjährige. 

Ist es die Beziehung der Kinder (Wilhelmine und Friedrich) untereinander, die Musik zur „Geheimsprache“, zum Ort des Friedens und des Einverständnisses und damit zum Lebenselixier macht? - Wilhelmine auf dem Principe (der Laute), Friedrich auf seiner Principessa (der Flöte). Später schreibt Friedrich an Wilhelmine:

Wie sehr wünschte ich…wieder die glücklichen Tage mit Ihnen zu verleben, wo Ihr Principe und meine Principessa in holdem Einklang standen…

und kurz vor ihrem Tod:

…wir haben verschiedene Körper, aber nur eine Seele..

 

Anna Amalia ist vierzehn Jahre jünger als Wilhelmine, die Beziehung der Schwestern eher lose. Friedrich allerdings lässt Anna Amalia später an seinem musikalischen Wissen teilhaben und ermöglicht ihr nach dem Tod des Vaters qualifizierten Unterricht bei Gottlieb Hayne. Friedrich bemängelt den desolaten Bildungsstand von Mädchen und Frauen:

Die jetzige Erziehung erstreckt sich auf den äußeren Schein, auf das Aussehen, auf den Aufputz; dazu ein leichter Firnis von etwas Musik, die Bekanntschaft mit einigen Lustspielen oder ein paar Romanen, der Tanz, das Kartenspiel, damit habt ihr den Ausbund aller Kenntnisse des weiblichen Geschlechts. 

Die gesellschaftliche Rolle der Frau im 18. Jhd. sah eine umfassende Bildung also eher nicht vor. Zum Teil herrschte sogar die Befürchtung, dadurch ein zu aufrührerisches und damit unschickliches Benehmen zu provozieren.

Die beiden preußischen Schwestern entbinden sich - jede auf ihre Art - den Normen einer klassischen Frauenrolle ihrer Zeit: Allein die Tatsache, dass Wilhelmine Violine, Anna Amalia Orgel und sogar die Flöte spielt, lässt sich mit den Regeln der Schicklichkeit nicht vereinen.

Violine oder Orgel zu spielen, verträgt sich nicht mit den Grazien des weiblichen Geschlechts. Die Virtuosin tut als solche auf schöne Weiblichkeit Verzicht…Die Bewegungen mit dem Arm, die Violinspieler machen müssen, und die Gesichter, die sie ziehen, werden der Weiblichkeit unfehlbar Eintrag tun. (Karl Heinrich Heidenreich, Der Privaterzieher in Familien, wie er sein soll, 1800)

Frauen mit Violine sollen noch lange ein Affront gegen die Schicklichkeit, eine geigende Frau einen mittelmäßigen Skandal abgeben. Beinahe komisch, wenn Carl Friedrich Cramer 1783 im Magazin der Musik schreibt: 

es würde gut, wenigstens weit besser passen, wenn die Damen, die Violine spielen, als Amazonen gekleidet wären. Die langen Manschetten, Bänder und Schleppen, dann der bloße Arm und die Geige am Hals beleidigen mich bei diesem Instrument immer etwas und würden es vermutlich nicht mehr tun, wenn die Künstlerinnen als ein reizender Halbmann im Hütchen vorm Pult ständen

 

Dabei ist es gewiss nicht nur die Mode, sondern vielmehr eine damit verknüpfte gesellschaftliche Rolle, die die Violine unter männlichen Territorialanspruch stellt.  

 

Wilhelmine heiratet glücklicherweise einen Mann, dem die Kunst nicht gleichgültig und eine aktive Ehefrau nicht zuwider ist. So errichtet sich Wilhelmine ihr eigenes kulturelles Paradies in Bayreuth, man könnte fast meinen eine kulturelle Festung, die sie vor der verarmten Bevölkerung, Verschuldung und höfischen Intrigen abschirmt. Sie strebt nach einer Kulturstätte mit dem Standard eines französischen Hofs, lässt dafür eigens Leute anstellen, die französische Umgangsformen und Etikette vermitteln sollen. 1748 wird anlässlich der Hochzeit ihrer einzigen Tochter ein durch sie mitgestaltetes Opernhaus eröffnet, in dem sie mehr Zeit als irgendwo sonst verbringt. Sie schreibt eigene Libretti zu eigenen Opernkompositionen, sie tritt in Kammermusikformationen auf und lernt sogar wie erwähnt das Violinspiel. (Offenbar mit mäßigem Erfolg, sie selbst beschreibt ihre Fortschritte wie folgt: Ich kratze täglich die Violine mit Leidenschaft. Mit den Fingern mache ich schon die schwierigsten Griffe, aber der Bogenstrich taugt noch nichts.)

Ihren Opern könnte man autobiographische Züge unterstellen und sie als Plädoyers für mehr Verständnis unter den Geschlechtern entschlüsseln. 

Wilhelmine, weltoffen und gebildet, versucht sich neben ihrer musikalischen Tätigkeit  auch als Bauherrin von Schlössern und Gärten. Alles, was sie kreiert, trägt ihre Handschrift, wie beispielsweise der Garten der Eremitage, in dem sie einen regelrechten Landschaftsgarten verwirklicht, deutlich vor dessen in-Mode-kommen. Eine Frau, die ihre Selbstwirksamkeit nutzt, um sich eine ihr entsprechende Lebenswelt zu erschaffen - wohl kaum politisch oder gesellschaftlich, doch in einer parallelen, nicht weniger gültigen Welt.

 

Anna Amalia führt ein vollkommen anderes Leben. Sie bleibt bis zu ihrem Tod am Hof ihrer Geburt, wird Äbtissin (ohne jedoch den Berliner Hof zu verlassen) und begeistert sich musikalisch eher für die Vergangenheit. Sie schwärmt für Johann Sebastian Bach, für Kontrapunkt, den reinen Satz. Nachdem sie als Kind wenig musikalischen Unterricht erhält, stellt sie mit über dreißig Jahren ihren wichtigsten Lehrer - Johann Jakob Kirnberger - als Hofmusiker ein. Er soll sie fünfzehn Jahre lang musikalisch unterweisen, inspirieren und ermutigen. Sie regt ihn zu einer musiktheoretischen Abhandlung an, in der er wiederum Kompositionen seiner Schülerin zitiert - eine hohe Auszeichnung für eine komponierende Frau. 

Anna Amalia wird von ihrer Familie eher belächelt, angeblich bezeichnet man sie unter anderem als böse Fee. Sie wird als klug und geistreich, aber auch launisch und unberechenbar beschrieben. Sie liebt nicht nur die Musik und höfische Festlichkeiten, sondern auch das Glücksspiel, wodurch sie sich zum Teil in prekäre finanzielle Situationen manövriert. 

Mit Bruder Friedrich (dem sie musikalisch einiges verdankt, der ihr eine Flöte schenkt und alles andere als frauenverachtend ist) muss sie ein liebevolles, aber ambivalentes Verhältnis verbunden haben

Sie, mein lieber Bruder, machen sich über meinen Enthusiasmus lustig.. 

…Amalie allerdings lässt sich die Erfüllung in der Musik nicht nehmen 

…aber die Musik ist immer meine größte Leidenschaft gewesen und Meine Stunden vergehen im Wohlklang einer himmlischen Harmonie

Anna Amalia gehört jedoch zweifelsfrei zu den engsten Vertrauten des großen Königs.

Eine Sache, die jeder bemerkte und die jedem auffiel ohne dass man sich den Grund dazu erklären mochte, war die dauerhafte und unwandelbare Freundschaft, welche zwischen dem König und der Prinzessin fortwährend herrschte (Thiébault, 20 Jahre Aufenthalt in Berlin)

 

Mit modernen, zukunftsorientierten Komponisten kann sie wenig anfangen, mit scharfzüngigen Urteilen über so manchen Komponisten spart sie nicht.

Amalie lässt sich außerdem mehrere Hausorgeln bauen - ein beinahe anachronistischer Akt, steht doch sogar schon das Hammerklavier vor der Tür und die Orgel gehört längst überholten Traditionen an.

Anna Amalia hinterlässt leider vergleichsweise wenige Kompositionen, da sie mit ihren Werken kaum an die Öffentlichkeit tritt und außerdem einen Großteil kurz vor ihrem Tod selbst zerstört. Die wenigen Stücke, die uns vorliegen, zeichnen jedoch das Bild einer talentierten, gebildeten und eigensinnigen Komponistin, die sich von ihrem inneren Kompass, ihren persönlichen Interessen und nicht von Anerkennungssucht oder Zeiterscheinungen hat leiten lassen. Nicht zuletzt leistet sie einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung und Pflege Alter Musik durch eine liebevoll und akribisch zusammengestellte Musikaliensammlung. Die Amalienbibliothek umfasst Werke von 

Palestrina, Hassler, Kirnberger, C.Ph.E Bach, J.S. Bach und viele mehr.

Anna Amalia, die im familiären Umfeld als verschroben gegolten haben mag, muss in anderem Kontext durch eine stark ausgeprägte soziale Ader bestimmt gewesen sein. Die kinderlose Prinzessin engagiert sich für Bauernkinder, ihren Neffen Louis Ferdinand (der später selbst komponierte und ein exzellenter Pianist gewesen sein muss) und hinterlässt ihren gesamten Musikalienbestand verschiedenen Armenschulen und Gymnasien. 

 

 

Anna Amalia von Preußen: Fuge für Violine und Viola

Judith von der Goltz, Violine

Anna Kaiser, Viola

DIE GALERIE - raum für musik

Live-Mitschnitt im Rahmen des Festivals FRAU AM WERK